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12. März 2013

Interview Dr. Markus Elsässer im AKTIONÄR, Ausgabe 11/2013

Die Presse zählte Markus Elsässer einst zu den einflussreichsten Investoren Europas. Das Multitalent hat ein ganz besonderes Gespür für unterbewertete Aktien.

DER AKTIONÄR: Herr Elsässer, die Aktienmärkte liefen zuletzt, als ob es keine Schulden- und keine Eurokrise gäbe. Wie kommt‘s?

MARKUS ELSÄSSER: Die Zinsen auf risikoarme Assets sind nicht der Rede wert. Nach Abzug der Inflation macht man etwa mit Bundesanleihen Verlust. Jeder Mensch, der halbwegs kaufmännisches Talent hat, schaut sich deshalb nach lukrativeren Investments um – und findet sie am Aktienmarkt. Eine Firma wie Nestlé hat die Dividende in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht. Der Aktienkurs steigt immer weiter. Was will man als Anleger mehr?

Hat sich die Krise etwas entspannt, wie einige Experten meinen?

Etwas. Aber gelöst sind die ganzen Probleme auf keinen Fall. Viele Staaten sind hoch verschuldet und haben signifikante strukturelle Schwierigkeiten. Hier wären richtig harte Reformen nötig, zu denen den Politikern aber entweder der Wille oder der Mumm oder was auch immer fehlt.

Aktionäre sollten also auf der Hut sein?

Kommt drauf an, welche Aktionäre Sie meinen. Wir haben mit den Aktien, die wir im Special Values Fonds haben, auch während der Krise gut verdient. Genauso wie viele Unternehmen auch während der Krise gut verdient haben.

Woran liegt das?

Es gibt auf der Welt immer mehr Kaufkraft, was aber nur die wenigsten registrieren, da meistens nur von Armut die Rede ist. Das stimmt ja auch, es gibt immer noch viel zu viele Arme. Trotzdem steigen die Einkommen auf der ganzen Welt – teilweise ganz massiv. Und während alle von der Krise reden und wie schlimm doch alles ist, vermeldet etwa die Luxusbranche Rekordzahlen. Wohlgemerkt: Luxus! In der Krise!

Jedes Flugzeug, in dem ich im vergangenen Jahr gesessen habe, war rappelvoll – egal um wie viel Uhr ich geflogen bin. Zunehmend kommen die Passagiere aus den Schwellenländern. Es sind Geschäftsleute und Touristen – und sie haben Geld. Das tut der Weltwirtschaft gut.

Die Statistik spricht eine andere Sprache. Volkswirte warnen vor einer Rezession.
 
Sehr wahrscheinlich ist die neue Dynamik, von der ich spreche, in den alten Berechnungsmodellen der Volkswirte nicht genügend erfasst. Viele Vorstände haben diese Entwicklung allerdings erkannt und profitieren längst von den sich verändernden Bedürfnissen und vom Verhalten der Menschen aus den aufstrebenden Staaten, was sich in den Aktienkursen widerspiegelt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dies auch immer mehr Anleger erkennen und diese Chancen nutzen werden.

Kommen wir auf den Special Values Fonds zu sprechen. Sie sagen, Sie seien kein klassischer Value-Anleger. Worin liegt der Unterschied?

Eine Firma darf auch mal höher bewertet sein, wenn der Aufschlag gerechtfertigt ist. Wie hoch der Aufschlag sein darf, kann ich anhand meines quantitativen Modells berechnen. Nehmen wir die Beiersdorf-Aktie als Beispiel, lange Zeit eine Langweiler-Aktie. Den Titel haben wir bei 35 Euro gekauft. Nach dem klassischen Value-Ansatz war sie damals nicht besonders billig, aber trotzdem musste sie irgendwann einfach deutlich steigen.

Wieso denn?

Die Bilanz von Beiersdorf war immer gut: wenig Pensionsrückstellungen, kaum Schulden. Beiersdorf hat mit Nivea die größte Einzelpflegemarke der Welt. Das könnte Begehrlichkeiten bei zahlungskräftigen Konkurrenten wecken. Zudem hat Beiersdorf einen Großaktionär, die Familie Herz. So ein Großaktionär kann wichtig sein, weil er Druck auf das Management machen kann, wenn es nicht gut läuft. Wie bei Beiersdorf. 2012 wurde – auf Drängen von Familie Herz – Stefan Heidenreich Vorstandschef. Ein sehr talentierter Mann, der vorher bei Procter & Gamble und Schwartau gearbeitet hatte und dort ansehnliche Erfolge feiern konnte. Seitdem läuft die Beiersdorf-Aktie wie an der Schnur gezogen. Und sie wird noch weiter steigen.

Bis wohin?

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sie irgendwann bei 130 Euro steht.

Sie waren lange Zeit auch in Wrigley investiert, noch so eine Langweiler-Aktie.

Von wegen. Das war eine goldene Aktie, die uns eine Rendite von rund 60 Prozent eingebracht hat, bevor Wrigley 2008 für knapp 80 Dollar je Aktie von Mars mit Hilfe von Warren Buffett geschluckt wurde. Wir hatten Jahre zuvor für 50 Dollar zugegriffen. Die Firma Wrigley ist ein großer Globalisierungsgewinner. Sie kann ihre Kaugummis überallhin liefern, ohne dass es teuer oder besonders aufwendig wird. In einen Schiffscontainer passen Millionen von Kaugummis. Im Gegensatz zu den meisten anderen Firmen muss Wrigley nicht sofort Fabriken im Ausland bauen.

Außerdem ist der Vertrieb im Handel sehr einfach: So ein Kaugummiständer, der in jeder Tankstelle oder in jedem Supermarkt steht, ist im Nu aufgefüllt.

Eine Ihrer aktuellen Top-Positionen ist Schindler. Was spricht für den Aufzughersteller?

Sehr viel. Schindler, die wir schon lange halten, hat kaum Konkurrenz, es gibt weltweit nur vier Aufzughersteller. Die Nachfrage nach Aufzügen steigt aber stetig, nicht nur in den Schwellenländern, sondern auch in den Industriestaaten. Fast jedes Haus, das neu gebaut oder modernisiert wird, bekommt einen Aufzug. Später muss er gewartet werden, wovon Schindler erneut profitiert.

Vor Kurzem haben Sie Kellogg’s gekauft. Warum?

Auch ein tolles Unternehmen. Kellogg’s, Marktführer für Frühstücksflocken, hat für sehr viel Geld Procter & Gamble die Chipsmarke Pringles abgekauft – eine etablierte Marke mit immer neuen Geschmacksrichtungen. Diese Übernahme wird sich rentieren, da bin ich mir ganz sicher. Den Vertrieb von Pringles und den ganzen Frühstücksflocken kann man ohne Probleme kombinieren.

Die großen Fonds werden aber erst mal abwarten, wie die Börse den Deal aufnimmt. Dann liegen wir mit unserer Position schon längst ordentlich im Plus.

Ist Kellogg’s Ihr Top-Favorit für die kommenden Monate?

Noch besser gefällt mir Reckitt Benckiser, ein völlig unterschätztes Unternehmen. Reckitt Benckiser ist der Spezialist dafür, wie man Nischenmarken fantastisch modernisiert und kaufenswert macht. Das ist dem Management schon zum Beispiel mit Clearasil, Sagrotan und Hoffmann’s Gardinenstärke gelungen. Produkte wie diese verkauft Reckitt Benckiser von Amerika über den Hindukusch bis nach Neuseeland.

Mehr Aktien, mehr Chancen. Im letzten Oktober hat Elsässer die Strategie beim Special Values geändert und die Aktienquote deutlich erhöht. Der Fonds bietet nun noch mehr Chancen auf hohe Kursgewinne bei überschaubarem Risiko.

a.deutsch@deraktionaer.de